Ich mag nicht hier gewesen sein II

Create Europe haben sie gerufen. Fashion Award haben sie gesagt. 
Und es kamen die ganzen Hipster. Die Jünglinge aus Spanien (nichts gegen Spanier!) mit ihren schwarzen Löckchen und ihren engen Hosen an oversize (man nennt es ja nun nicht mehr weit) Jacken - schlicht jedoch mit raffinierten Details - und fragen mit ihren überraschend glockenklaren Stimmen nach Zigaretten oder ähnlichen Belanglosigkeiten. Und die Frauen sind auch nicht besser. Kommen nur aus Schweden. Beziehungsweise: Sehen halt so aus. Lange Schals sind wichtig. Und bedächtige Schritte.
Sich über all das zu mokieren ist zwar auch schon wieder uncool. Zumal man nie nur Beobachter sein kann, sondern ja auch immer Teilhabe hat. Wenn auch nur als die seltsame Randnotiz, die in ihren Block/g schreibt, aber auch die formen ja das Bild. 
Wahrscheinlich ärgert mich am meisten meine eigene Umsouveränität. Meine Aufgeregtheit. Dass ich mich so unbeholfen machen lasse von klackernden Schuhen, bunten Licht (verzeih: Illumination!) und Champagner (oder war es doch nur Sekt?) im Plastikbecher. 
Es werden Modetips ausgesprochen. Hört: Schwarze Krawatte! Ob für Frauen oder für Männer ist an mir vorbei gegangen. Letztlich auch egal. Im Hintergrund läuft Daft Punk - One more time. It´s totally last week, denkst und führt sich selbst ad absurdum. 
Will ich eigentlich teilhaben an diesem gutgelaunten Haufen? Diesem Haufen mit Enthusiasmus? Behaupten, dass es eine Möglichkeit des Dafür gäbe? Etwas für die Menschen machen? Nichts anderes will Design ja. Ich tue mich schwer. Nicht nur weil die hier so sind, wie sie sind, sondern weil alle andern (ich inkludiert) auch so sind. Enthusiasmus entwickeln, würde bedeuten, dies alles als verbesserungswürdig zu empfinden. Was aber, wenn man es einfach nur abschaffen will? Meine Teilhabe verweigern ist schlicht unmöglich. Atmen heißt leben, heißt Kultur, heißt mitmachen. Und überhaupt.
Und dort läuft eine von den LesMads - übrigens mit noch schlechterer Haut als meine - vorbei. Bin ich jetzt beeindruckt? Irgendwie schon. Aus Scheiße Gold machen ist schon eine der höchsten Künste. Muss ich zugeben. Traurigerweise.
Wohlwollen meinerseits - auch nur ein Funken - kommt nicht auf. Ein paar Menschen kenne ich vom Sehen. Vom Grüßen. Ich mag nicht erkannt werden. Mag nicht hier gewesen sein.   


Das ist jetzt auch schon wieder über zwei Jahre her. Damals studierte ich was mit Design und auch Mode. Lebte in Berlin und war irgendwie Teil davon und war es auch nicht. Und wahrscheinlich wollte ich die Bienenkönigin sein und wollte es auch nicht. Ich bin nach Bremen gezogen. Und hab das mit dem Design aufgegeben. Bin bei Kunst gelandet und gebe mir immer noch große Mühe mich von allem und jedem Abzugrenzen. Allem, was nicht gut aussieht und allem, was zu gut aussieht. Ich glaube damit bin ich nicht alleine. Ich glaube viel mehr, das ist das Drama unseres Lebens. Uns kläre ich an dieser Stelle nicht. Will ich auch gar nicht. 
Wir geben uns so verflucht Mühe uns immer richtig zu geben. An den richtigen Orten sein, die richtigen Sachen sagen, die richtigen Sachen tragen. Distinktion. Manchmal reicht eine große Brille, manchmal brauchen wir dafür ein großes Maul. Wir glauben nicht mehr an die großen Veränderungen und verzweifeln an den kleinen. Worte wie "Eigenverantwortung" werden durch noch widerlichere ersetzt. "Selbstwirksamkeit" z.B. fiele mir da ein. Das Leben das wir führen soll immer optimierter werden, perfekter, gesäubert. Wir sind verflucht langweilig. Wir sind alle miteinander dafür. Dafür, dass wir die kleinen Dinge richtig machen. Dafür, dass wir richtig konsumieren. Dafür, dass wir Leistung bringen. Verweigerung ist immer weniger eine Option. 
Es macht mir Angst. Die Verschiebung von Empörung ins Private entsetzt mich. Die Behauptung man könne richtig konsumieren, man könne ein unmenschliches System entschärfen in dem man systemimmanent handelt, lässt mich staunen vor Ungläubigkeit. Wie naiv kann man sein? 
Oder wie Ängstlich. Ich weiß, ich höre mich an wie ein alter Sack aus dem Feuilleton, der sich einen drauf abwichst, dass er selber noch gegen oder für irgendwas wichtiges demonstriert hat und mit seinem Sohn über Stuttgart21 streitet. Das alles schön an einem Manufaktumtisch und in dem Mantel der Selbstgefälligkeit, wie in nur Menschen tragen können, die wissen, dass sie eh schon veraltet sind. Und das, obwohl ich erst 26 bin. Ich bin noch jung, bzw. ich schaffe es noch mir das erfolgreich einzureden, und benehme mich doch wie frühvergreist. Ich gebe mir zwar größte Mühe immer wieder mal so zu tun, als hätte ich noch was zu bewegen, aber ich bin die beste Stammtischrednerin geworden. Selbstverständlich bei einem guten Schluck Wein. Bio. Aber aus Australien. Ich besitze sogar eine Kundenkarte für diese Fachhandlung. Ich verachte mich und meine Kleinkunst zutiefst. Aber eure meine lieben Gleichaltrigen mindestens genauso sehr.

6 Kommentare:

  1. Und jetzt alle im Chor: "Ich bin anders!"

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  2. ach damit hat das doch nichts zu tun. eher mit "ich bin unzufrieden!" und "ich weiß nicht wie ich das ändern soll!"

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  3. aufhören unzufrieden sein und einfach zufrieden sein. es ist alles schon mal dagewesen und nichts ist mehr neu oder anders oder individuell, aber wen interessiert's? solange es für dich neu und anders ist.

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  4. Hat lange gedauert, bis ich mal bei Dir reingeklickt habe, wahrscheinlich, weil ich Dich vermisst habe. Schön zu lesen, dass Du immer noch kämpfst und dabei den Kopf oben behältst. Weiter so, ich bin mit Dir. Falls Du mal Zeit hast, schau auch mal bei mir rein: "SprechLichtung.blogspot", vielleicht treffen Wir einander darin wieder. Ansonsten wünsche ich Dir eine wunderschöne RaumZeit!

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  5. Deine Texte treffen genau ins Schwarze! Großartig :)

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